Lehr- und Wunderjahre

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Mittwoch, 7. Februar 2007

Gaudeamus igitur
 
Sein Biername lautete wie der Name des gr. Heidedichters, und zu einer Zeit, als sein Auto, ein DKW 3=6 Kombi, noch nicht als Oldtimer galt, kontrollierten ihn, als er schwer bezecht war, was wegen der zahlreichen Weihnachtsfeiern nicht weiter verwunderte, die Grünchargierten.

Er fuhr ein, und das sofort und im Wortsinne, denn er musste seinen Wagen selbst ins Präsidium steuern, weil niemand sonst mit der völlig ausgeschlagenen Lenkung klar kam, und sicherheitshalber fuhr die Firma Grün-Weiß mit jeweils einem Wagen vorneweg und hinterher - wie wir sehen, waren das noch Zeiten.

Eine sog. Weihnachtsamnestie bewahrte ihn glücklicherweise davor, die Feiertage im Caf'é Carrée zu verbringen, und die wenigen Tage dort ging es ihm recht passabel, denn er vertrieb sich seine Zeit damit, in der großen Gemeinschaftszelle an der allgemeinen Arbeit teilzunehmen, nämlich Wäscheklammern zusammenzustecken, um diese dann quer durch die Zelle in eine große Kiste zu schnipsen, eine Fertigkeit, die er später oft und gern auf Kneipen in der Fidulität demonstrierte.

Versöhnt fühlte er sich jedenfalls dadurch, dass er bei der Einlieferungsprozedur ein Brevier vom Tresen in die Zelle mitgenommen hatte, um später etwas zum Lesen zu haben, was sich als "Die Polizei, Dein Freund und Helfer" oder "Der Mittlere Dienst in der Bereitschaftspolizei" oder "Gib Dieben keine Chance" o.s.ä. herausstellte, und er dieses Pamphlet aus purer Langeweile auch konzentriert von vorn bis hinten und zurück durcharbeitete, weshalb er dann bei seinen Mitgefangenen als Politischer galt.

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Freitag, 11. November 2005

Schräger Vogel, 1976
 
Damals, als Lehrling, war ich irgendwann auch dran, eine Sendung bei Kollegen in Hannover zu avisieren. Telefonisch. Mein Kollege am anderen Ende des Drahts hieß Kuckuck, das wusste ich.

Was ich nicht wusste: Er stotterte. Nicht so einfach stottern, mit ähs und ahs und so, also zum drüberwegschmunzeln, sondern massiv. Hart und herb. ER WAR DER STOTTERNDSTE STAKKATO-STOTTERER WELTWEIT! Aber das wusste ich ja noch nicht, damals.

Ich leg mir also die Unterlagen zurecht, an unserem Viererschreibtischblock; die Kollegen haben plötzlich alle was zu fummeln und zu rascheln unter ihren Tischen. Leicht irritiert wähle ich die Nummer. Nach der letzten Ziffer halten die Drei jeder eine Zeichnung hoch: 3 mehr oder weniger gelungene, A4-füllende Flattervögel.

Und aus Hannover kommt ein "KKKUCKUCKUCKUCKKK!"

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Freitag, 4. November 2005

Good Thinking
 
Wie bei Chemikern üblich, promovierte Martin kurz nach dem Studium. Erwähnenswert ist, dass es in seinem Labor im langfristigen Jahresmittel 1x/Semester brannte oder explodierte (so sah Martin auch aus).

Dieses Handicap kompensierte er allerdings dadurch, dass er schon früh ein Verfahren entwickelte, in großem Stile Industrie-Alkohol von den schädlichen Zusätzen zu befreien, und anschließend zu veredeln.

Er hatte mehrere Whisky- bzw. Wiskey-Sorten und einige Cognacs im Angebot, aber auch einfache Sachen wie Mariacron oder Asbach.

Deswegen verwunderte es nicht, wenn vom Erstsemester über Hiwis bis zu den Profs so ziemlich alle regelmäßig Bestellungen bei ihm abgaben, speziell wenn Feiern anstanden.

Klausuren und Prüfungen waren dann auch nie ein Thema.

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Mittwoch, 2. November 2005

Kurzschule Baad, Kleinwalsertal
 
Wer war schon mal in der Kurzschule Baad? Ich selbst war ca 1968 für einen Monat da, im Januar oder Februar. Würde ganz gern mal mit Aktiven schnacken.

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Dienstag, 18. Oktober 2005

Willi, 1967?
 
Zu der Zeit war Willi (der eigentlich ganz anders hieß, aus Billstedt kam, und mal mit mir zusammen eigentlich nur nach Teheran wollte, aber gleich bis Kabul durchfuhr und dabei die Sommerferien um nur wenige Monate überzog) nicht nur der Einzige an der KIP in Hamburg, der fast beliebig lange im einarmigen Handstand verharren konnte. Er setzte auch ganz persönliche Akzente im Unterricht, in Deutsch sowieso.

"Was das Besondere an Brecht war? Weiß ich doch nich! Höchstens, dass er oft Geschichten mit K geschrieben hat."

Damit hatte nun echt niemand gerechnet.

"Zum Beispiel.... äh.... Herr Puntila und sein Knecht Matti."

Später erteilte man ihm auf der Wichernschule das Gnaden-Abitur.

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Montag, 19. September 2005

1985, High Tech
 
Unsere Buchhalterin kommt angeschnürt und hält mir ein Blatt Papier vor die Nase. "Der Kopierer ist kaputt. Ich glaub, der macht's nicht mehr lange!" Irgendwie hat sie einerseits n büschn recht, andererseits... "Prau P., was kann denn sonst noch der Grund für das matte Bild sein?" frage ich.

Sie überlegt sichtbar. Dann strahlen die Augen, die Wangen glühen, alles klar: "Der Tuner ist alle!"

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Donnerstag, 8. September 2005

Winde wehn, 1986
 
War schon fast Tradition diese Woche, Ende Oktober, auf Föhr. Tradition war auch, dass an diesem Freitag niemand mit wollte auf meinen Ausflug, diesmal wieder nach Helgoland, zur Abwechslung mal auf der Pidder Lyng.

Windstärke 6 oder 7, also bewegte See, die ersten Opfer unter den Passagieren wurden vorsichtshalber für die Rückfahrt auf Amrum deponiert.

Helgoland war wie immer: Touristen, Piraten, Wegelagerer. Zum Glück gab es immer noch ein paar sturztrunkgeeignete Kneipen, es fiel mir deshalb erst ziemlich spät auf, dass es verdächtig ruhig wurde auf der Insel. Blick nach draussen: Ruhig war untertrieben, totenstill war es auf einmal, die Unterstadt war geradezu entvölkert, die Geschäfte geschlossen, der Wirt wischte auf seiner Theke rum, machte einen auf genervt und sah dauernd zu mir rüber. Was ging hier ab, was war hier los? Er nötigte mich, zu zahlen, ich ging raus und peilte die Lage.

Die Lage war ernst. Es gab quasi keine Lage, es gab garnix. Helgoland hatte geschlossen. Und ich hatte mein Schiff verpasst. Wenn es doch eine Lage gab, dann war sie jetzt echt ernst. Zurück zu dem unfreundlichen Wirt wollte ich nicht, aber in dem Hotel vorn am Hafen war jemand. Also hin und nachgefragt. Das Schiff war nicht nur weg, sagte das Mädchen am Empfang, also nicht nur außer Sicht, es würde überhaupt erst eins nächstes Jahr wiederkommen, und zwar im Frühling. Die Saison war soeben zu Ende gegangen.

Der Ablauf war jetzt wie folgt.
  • Auf Föhr anrufen, und sagen, dass ich etwas später komme. Genauergesagt: Morgen. Eventuell.
  • Geld bzw. Visa-Card checken: OK.
  • Zimmer buchen: Captain's Cabin.
  • Mit einem Arm voll Dosenbier aufs Zimmer.
  • Fernseh kucken bis der Schlaf eintritt.
Erster Gang am nächsten Morgen: um die Ecke ins Reisebüro. Die lächelten milde. Ja, die Saison wär zu Ende, nächstes Jahr im Frühling ginge es ja weiter, und Fischer, die mich nach Föhr tuckern könnten, gäbs schon lange nicht mehr auf der Insel. Ich könnte allerdings nachmittags von der Düne aus nach Hamburg fliegen.

Flug nach Hamburg gebucht, am Flughafen (!) Frustbiere getrunken. Nachmittags flog tatsächlich eine 2-motorige Maschine; an Bord der Pilot, ein weiterer Passagier und ich, sowie ein Wellensittich, der zum Tierarzt musste. Ein Stückchen See, die Elbe hoch, an Glückstadt vorbei.

Hamburg in Sicht. Runter auf eine kleine Landebahn, anschließend mit U- und S-Bahn zum Bahnhof Altona. Zug nach Niebüll. Von da im Schienenbus nach Dagebüll-Mole.

Knapp zwei Stunden auf die Fähre warten, dann hatte Föhr mich wieder. Kosten: ca 600,-- Mark, all in.

Einige Tage später saß ich mit einem Hobbypiloten in der Flughafenkneipe auf Föhr, und erzählte meine Odyssee.

"Du bist doch bescheuert," meinte der, "wir brauchen doch unsere Mindestanzahl Flugstunden im Jahr. Ein Anruf hier bei uns, und das ganze hätte dich höchstens nen Hunni gekostet! Und ne Runde."

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Montag, 29. August 2005

Winde wehn, 1983
 
"Nee. Echt. Ech wohn in Wedel! Genau! Wo diese Schiffsbegrüßungsdingens, Anlage is. Willkommenhöft! Praktisch nehmdran. Ech machma ehm das Fensser auf, wahtema." Es klapperte, Werner war "phragmatisch" wie immer. "Höahssuh? Da is wieder son Pott, ech glaupn Franzohse. Kannssuh höan? Ech halt man Höara raus. Höassuh jezz? Die spieln für den die Tri-co-lo-re!"

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Montag, 15. August 2005

1987, Kulturschock
 
Eigentlich war Marek ja nur zu Besuch in Deutschland. Da aber Polen, wahrscheinlich genetisch bedingt, für jegliche handwerkliche Tätigkeit hervorragend geeignet sind, hatte er sich von Richard anheuern lassen, das teerpappengedeckte Flachdach des Bürogebäudes zu reparieren.

Wir hörten ihn mehrere Wochen lang, zu wechselnden Zeiten, über unseren Köpfen rumoren. Nicht, dass es groß störte, wir hatten uns schnell daran gewöhnt. Nie bekamen wir ihn zu Gesicht.

Dann war ein oder zwei Tage nichts mehr zu hören. Erhard erzählte uns ganz nebenbei, das Dach wäre fertig; von der ersten selbstverdienten Valuta würde Marek sich erstmal einen Videorecorder kaufen. Logo. Top-Loader, Tausend Knöpfe, schwer wie Hund, High-Tech-Spitzen-Pressluft-Technik. Deswegen war es also so ruhig da oben.

Montagmorgen saß Marek schon wie festgedübelt bei uns am Katzentisch. Typ drahtig-verschwitzt, unrasiert, Räuberzivil. Pott Kaffe vor sich und einen Aschenbecher voll mit ultrakurzen Hugos. Keine Bewegung zu erkennen.

Erhard machte "psssst!" und beugte sich mit Verschwörermiene zu uns über den den Schreibtisch. "Er sitzt schon seit halb sieben da. Hat sich am Wochenende 'n Schwung Videos geholt." Er schielte unauffällig zu Marek rüber. Dann kam er fast zu uns über die Schreibtische gekrochen, sein Flüstern war kaum zu verstehen: "Pooooornooooos!"

Wie ein Mann warfen wir auf und starrten Marek an.

Der hatte seinen Kopf auf beide Arme gestützt, hob ihn langsam hoch und drehte ihn in unsere Richtung. Der Untote war fertig. Fix und fertig. Blutleeres Gesicht, die Augen auf 8dpi zusammengeschnurrt und auf unendlich akkommodiert.

Seine Worte kamen langsam, ohne Nebenluft, wie eine Computerstimme, gespenstisch. Gerade eben hörbar, ohne Lippenbewegung. Jedes Wort ein Satz. "Das. Gibt. Doch. Nicht."

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Freitag, 1. Juli 2005

1983, Gut gegeben
 
Mein Büro im 1. Stock geht nach hinten raus, in einen Hinterhof, der zwei Straßen verbindet. Auch Autos können sich durchschlängeln; direkt unter dem Fenster parken auch ein paar, von der Durchfahrt durch eine Art Reling aus Vierkantrohr abgetrennt.

Die gegenüberliegende Seite des Innenhofes besteht aus einem kleinen Hügel mit altem Baumbestand und Sträuchern. Ab und zu sitzen da kleine Jungs und rauchen. Oder der eine oder andere Berber aus der Fußgängerzone, oder jemand, der die öffentlichen Klos nicht finden kann.

Heute morgen mäandert eine ziemlich abgerissene Gestalt den Hang hinunter und torkelt Richtung Reling, auf mich zu. Er sieht mich nicht, denn er hat die Reling im Visier. Mit dem Bauch lehnt er endlich daran, die Reling gibt ihm Halt. Eine Hand fürs Schiff, die andere fürs Schiffen, Hose auf, Schniepel raus, auf dem Relingrohr stabilisiert und losgestrullert. Mit dem Gesicht zu mir, keine 15 Meter entfernt.

Volles Rohr, gleichmässiger, sanft gebogener Strahl, die verhärteten Gesichtzüge werden weich, fast menschlich. Das Leben kann so schön sein, wenn der Druck gaaanz langsam nachlässt. Jetzt halten sich beide Hände an der Reling fest, denn der Körper schwankt wie ein Rohr im Wind.

Wieviel geht eigentlich rein in so eine durchtrainierte Blase? Ich zünde mir erstmal eine an. Es läuft gut. Prostatamäßig allererste Sahne. Er hebt den Kopf und sieht mich am offenen Fenster stehen.

"SPANNER!", brüllt er zu mir hoch, packt ein, droht faustfuchtelnd und trollt sich.

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